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Höchste Flexibilität und Wirtschaftlichkeit durch Mechanisierung

Schweizer Lebensmitteleinzelhändler Migros: Zukunftsweisende Logistikprozesse durch Projekt „FUTURE COM“

Foto: Witron

Foto: Migros

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Der Schweizer Einzelhändler Migros betreibt seit 2011 eine der modernsten und größten Logistik-Hochleistungsanlagen in Europa. Eine ausgeklügelte Prozesskette sorgt dafür, dass tagtäglich sämtliche Produkte aus einem Artikelspektrum von über 3.500 verschiedenen Kolonialwaren (Trockensortiment) pünktlich sowie in bester Qualität in die Verkaufsfilialen gelangen. Zum Einsatz kommt dabei die patentierte OPM/COM-Technologie des deutschen Systemintegrators Witron Logistik + Informatik GmbH aus Parkstein, An einem Spitzentag kommissionieren 28 COM-Maschinen bis zu 315.000 Handelseinheiten wirtschaftlich, filialgerecht und weitestgehend fehlerfrei auf Auftragspaletten.

Von Thomas Wöhrle*

Seit dem Jahr 2000 betreibt Migros am Standort Suhr durch die eigenständig fungierende Logistik-Tochtergesellschaft Migros Verteilzentrum Suhr (MVS) AG das nationale Schweizer Verteilzentrum für das Trockensortiment. Die über 600 Migros-Filialen unterschiedlichster Art und Größe erhalten ihre Ware in individuellen Belieferungsrhythmen nach dem Abverkaufsprinzip in der Regel innerhalb von 24 beziehungsweise 48 Stunden nach Bestellung. Bisher wurde in Suhr vor allem manuell beziehungsweise teilautomatisiert kommissioniert. Um die Logistikprozesse hinsichtlich Filial-Service, Ergonomie, Flexibilität und Nachhaltigkeit optimal auf kommende Anforderungen auszurichten, fiel 2008 die Entscheidung für die Realisierung eines zukunftsweisenden Logistiksystems.

„Eine hohe Qualität und Flexibilität in der Auslieferung ist für unser Geschäft von ganz entscheidender Bedeutung“, sagt Daniel Nussbaumer, Mitglied der Unternehmensleitung bei Migros und verantwortlich für den Bereich Betrieb & Technik . „Das Kaufverhalten der Kunden hat sich in den letzten Jahren verändert. Somit müssen wir für die Zukunft noch flexibler und logistisch effizienter werden als bisher, um auf Schwankungen im Abverkauf schnell reagieren zu können.“ Die jetzt mit Witron umgesetzte Lösung Order Picking Machinery (OPM) könne diese Anforderungen und Dynamik entlang der gesamten Prozesskette abbilden - beginnend bei Lieferanten, über das Distributionszentrum, den Transport, bis hin in die Filiale - und erhöhe zudem die Wirtschaftlichkeit bei Migros ganz erheblich. Darüber hinaus sei mit OPM ein betriebswirtschaftlich hochattraktives System „State-of-the Art“ geschaffen worden, das seine Wirtschaftlichkeit auch in der effizienten Nutzung der bestehenden Gebäudestruktur beziehungsweise bei einem begrenztem Platzangebot nachweisen könne.

Technologielösung OPM/ COM produziert Auftragspaletten vollautomatisch
Als Logistik-Generalunternehmer plante und realisierte Witron in diesem Projekt sämtliche Materialfluss-, IT-, Steuerungs- und Mechanikkomponenten. Die Fördertechnik-Elemente wurden von der Witron-Tochter FAS designed und produziert. Innovatives Element des vollautomatischen Lager- und Kommissioniersystems OPM (Order Picking Machinery) ist die Case Order Machine (COM), welche auf Basis eines Schlicht-Algorithmus` Handelseinheiten unterschiedlichster Art, Gewicht und Größe, Behälter und PET-Flaschen filialgerecht auf Auftragspaletten schichtet. 

„Mit der COM-Technologie werden die Auftragspaletten sozusagen vollautomatisch produziert. Statt zu greifen, schieben die COMs die Artikel exakt auf die vom System via Schlicht- Algorithmus berechnete Position der Auftragspaletten. Der gesamte Vorgang läuft sensorüberwacht, um eine hohe Verfügbarkeit sicherzustellen.“ erklärt Josef Pollinger, auf Seiten von Witron Leiter des Migros-Projekts. „Herkömmliche Greiftechniken würden die Bandbreite automatisch kommissionierfähiger Waren enorm einschränken und das Gesamtsystem wirtschaftlich sehr viel uninteressanter machen.“ Vorausgehend wurden die Produkte im Wareneingang vollautomatisch verifiziert und vereinnahmt, als sortenreine Paletten in ein Palettenhochregallager eingelagert, bedarfsgerecht wieder ausgelagert, lagenweise depalettiert, mit Trays unterschiedlicher Größe verheiratet, in vorgelagerten Fine-Tuning-Prozessen mechanisiert sortiert und vor der filialgerechten Kommissionierung wieder vom Tray getrennt. Sind die Paletten fertig kommissioniert, schleust das OPM-System diese an die Wickelstationen aus, wo sie mit Folie gesichert werden. Dann werden die Paletten über ein Fördertechniknetzwerk Richtung Warenausgang in einen Pufferbereich befördert, mit weiteren Kundenaufträgen tourengerecht konsolidiert und stehen anschließend für den Versand bereit.

OPM-System der neusten Generation
Die Witron-OPM-Lösung, die im Jahr 2005 von der VDI-Gesellschaft FML mit dem „Innovationspreis für Logistik“ ausgezeichnet wurde, zeichnet sich gegenüber herkömmlichen Kommissionierverfahren durch ihre enorm hohe Wirtschaftlichkeit, die Kommissionierqualität und die Kommissionierquantität aus. Sämtliche Prozesse innerhalb der gesamten Supply Chain werden durch OPM optimiert. Zahlreiche marktführende Lebensmitteleinzelhändler in Europa und Nordamerika setzen bereits in ihren Logistikzentren auf die innovative Technologie. Insgesamt sind bisher bereits mehr als 400 COM-Maschinen im Betrieb bzw. in der Inbetriebnahme, sowohl im Trockensortiment als auch im Frische- und Tiefkühlbereich. Das Artikelspektrum reicht dabei bis hin zu 18.000 verschiedene Artikel. Durch das enorme Branchen-Know-How von Witron im Lebensmitteleinzelhandel wird die Lösung permanent weiterentwickelt. So arbeitet Migros mit einem System der neusten Generation. Funktionalitäten wie die Channelizer Funktion, Gegenpusher, TCC (Tray Collection Conveyor System), SBR (Sequenz Buffer Rack) oder Regalbediengeräte mit doppeltem Lastaufnahmemittel machen die Lösung noch schneller, noch effizienter und noch flexibler - bei gleichzeitig geringem Energieverbrauch.

Effiziente Getränkekommissionierung wichtiger Entscheidungsfaktor
Da Migros bei einem mengenmässigen Anteil zwischen 20 und 30 Prozent eine große Anzahl an Auftragspaletten mit Getränken und PET-Flaschen kommissioniert, war eine effiziente Abwicklung im Getränkebereich ein wichtiges Entscheidungskriterium für einen Einsatz von OPM. Einfache, praxisnahe Prozesse erfüllen auch hier die hohen Qualitätsansprüche von Migros. So führt das automatische Einlegen einer zusätzlichen Kartonschicht als Lagenverstärker –direkt durch die COMs- zu einer signifikanten Erhöhung der Stabilität bei den vollautomatisch gebildeten Getränkepaletten. 

Die optimale Palettenstruktur ist generell ein zentrales Qualitätsmerkmal für den Schweizer Einzel- beziehungsweise Detailhändler. „Die Palettenstabilität und die Sortierung der Artikel auf den Paletten ist für den Filialprozess ganz entscheidend“, sagt Nussbaumer. 

Mit dem Projekt ‚FUTURE COM‘ ist es gelungen, den Migros-Filialen auf Basis eines Schlicht-Algorithmus` gebildeten Paletten ein hohen Servicegrad zu bieten. Dabei werden die Artikel schon bei der Kommissionierung so auf der Palette sortiert, dass diese in der Filiale auf kürzestem Weg in die Regale verräumt werden können. „Desweiteren sind wir beim Füllgrad der Paletten völlig flexibel. Wenn ein Markt aufgrund seiner bestehenden Rahmenbedingungen nur mit Paletten in einem bestimmten Höhenraster angeliefert werden kann bzw. er uns bei der Anlieferung von bestimmten Produkten Höhenvorgaben vorgibt, kann die COM-Maschine diese Parameter filialspezifisch umsetzen“, erklärt Daniel Nussbaumer.

Durch eine effiziente Abwicklung im Logistikzentrum gibt es in den Filialen darüber hinaus keine Out-Of-Stock-Situationen. Da das Logistiksystem dichtgepackte Paletten generiert, konnte desweiteren die Zahl der Lkw-fahrten reduziert werden. 

Bei der Umsetzung wurde auf die vorhandene Logistikstruktur aufgesetzt. Als Nachschublager dient ein bestehendes Hochregallager mit 68.500 Palettenstellplätzen, das Witron bereits im Jahr 2002 bei Migros implementiert hat. Das neue OPM-System wurde kompakt und platzsparend auf dem Dach eines bereits bestehenden Gebäudes installiert – eine ganz besondere Herausforderung für das Design-Team von Migros und das Planungs-Team von Witron. Desweiteren wird ein Teil der früheren Anlage unter anderem für das Handling von Aktionsware und Tierfutterprodukte, als Pufferlager für Versandpaletten sowie für die Wareneingangs- und Warenausgangsabwicklung weiter genutzt.. Insgesamt hat Migros 85 Millionen Schweizer Franken in das Gesamtprojekt investiert.

Erfolgreicher Anlagenhochlauf nach etwas mehr als nur 3 Monaten 
Um bei einem Projekt dieser Größe die Möglichkeiten und Grenzen innerhalb des Gesamtkonzepts bestmöglich bestimmen zu können und in jeder Projektphase termingerecht umzusetzen ist eine ausführliche Informationsphase im Vorfeld enorm wichtig. 

„Was uns auf der Suche nach dem richtigen System sehr geholfen hat war, dass wir bei zahlreichen Witron-Kunden Referenzbesuche vor Ort machen konnten, und zwar auf allen Unternehmensebenen, beginnend bei der Geschäftsführung, über das Projekt-Team, das Realisierungs-Team, bis hin zu den Mitarbeitern für den späteren Lagerbetrieb“, sagt Nussbaumer. „Durch diesen intensiven Informationsaustausch, den uns Witron mit seinen OPM-Kunden ermöglicht hat, konnten wir alle Prozessabläufe detailliert hinterfragen.“ Ebenso habe man gemeinsam mit Witron ein exaktes Schulungskonzept erarbeitet, das die Migros-Mitarbeiter mit der neuen Anlage vertraut gemacht hat. „Nach dem unsere Mitarbeiter mit Hilfe der Witron- und Migros-Trainer gründlich auf ihre Aufgaben vorbereitet wurden, betreiben wir die Anlage sowohl IT- als auch von der Mechanik-seitig mit eigenem Personal. Alle Service- und Wartungsarbeiten inkl. der Anlagensteuerung werden von uns selbst durchgeführt“, so Nussbaumer. Desweitern hatte sich Migros auch hier viele Tipps und Anregungen bei anderen OPM-Anwendern geholt.

„Da die Umstellung während des laufenden Betriebes erfolgte, mussten sämtliche Einzelabläufe genauestens geplant und abgestimmt werden - dies war eine anspruchsvolle Aufgabe für alle Beteiligten“, erklärt Witron-Projektleiter Pollinger. Somit waren intensive Testphasen integraler Bestandteil der Umsetzungsstrategie. Dies betraf sowohl die entsprechende Simulation des Echtbetriebs als auch die Durchführung umfangreicher Softwaretests, um sich optimal auf den späteren Live-Betrieb vorzubereiten. „Gerade der Hochlauf einer solchen Anlage ist immer eine Frage der Risikoabwägung – es geht in allererster Linie darum, mögliche Risiken für die Filialen und damit für das Endkundengeschäft auf ein Minimum zu reduzieren. Die Filialen dürfen im optimalen Fall am Anfang von der Systemumstellung gar nichts mitbekommen und sollen anschließend schnell von den Vorzügen des neuen Systems profitieren.“ 

Die Art der Kommunikation sei hierfür ein ganz zentrales Instrument. So habe man beispielsweise die ersten 25 Migros-Filialen in der Phase des Hochlaufs tagtäglich betreut und einen eigenen Support dafür aufgebaut. „Das hat Migros perfekt organisiert. Der Feedback, den wir während der Umstellung aus den Filialen bekommen haben, hat uns täglich neue Impulse für die nächsten Schritte gegeben“. Und auch die Lieferanten wurden weit vor der Umstellung schon auf das neue Migros-System vorbereitet: “Produktqualität und Stammdatenhandling sind wichtig, damit die Anlage tagtäglich hochverfügbar arbeiten kann. Und auch diese Aufgabe wurde erfolgreich bewältigt, denn der Anteil der Produkte, die nicht „COM-fähig“ sind, geht bei Migros mittlerweile gegen Null Prozent.“ so Pollinger. Ein unverkennbares Zeichen für eine gut abgestimmte Zusammenarbeit zwischen Migros und seinen Lieferanten. „ "Durch die sehr gute Vorbereitung war der Anlagenhochlauf schon nach etwas mehr als nur 3 Monaten erfolgreich abgeschlossen. Von der ersten Nachschub-Bearbeitung bis zur Belieferung aller über 600 Filialen hat es gerade einmal 14 Wochen gedauert", erklärt Daniel Nussbaumer. "Somit war der Hochlauf sogar ein Monat schneller abgeschlossen als ursprünglich geplant!".

Qualität und Termintreue in der Auslieferung signifikant gestiegen
Die Einführung von OPM hat sich für Migros ausgezahlt – die Ergebnisse können sich sehen lassen. Heute sind die Lieferketten von Migros kaum noch anfällig für saisonale oder witterungsbedingte Einflüsse und damit in weiterer Konsequenz auch für Out-Of-Stock-Situationen in den Verkaufsregalen. „Früher haben wir im Vergleich zu heute einen viel größeren Vorlauf benötigt und konnten auch nicht so zeitgenau kommissionieren. Auch eine filialgerechte Kommissionierung, ausgerichtet an den Anforderungen des jeweiligen Marktes war nicht möglich“, sagt Migros-Bereichsleiter Daniel Nussbaumer. „Mit der OPM-Lösung sind wir in der Lage, das zu tun und haben außerdem zu jeder Zeit die volle Transparenz über alle unsere logistischen Abläufe. Und diese Abläufe passen exakt auf unser Geschäft.“ Mit Beginn des Anlagenhochlaufs habe man die kommissionierten Paletten bis zum jetzigen Zeitpunkt immer termingerecht sowie in der geforderten Menge und Qualität an den Kunden geliefert. „Bereits während der Hochlaufphase hatten wir einen Auslieferungsgrad von 99,2 Prozent“, so Nussbaumer. „Alle von der Geschäftsführung vorgegebenen betriebswirtschaftlichen Ziele sowie alle vorgegebenen Qualitätskennzahlen gegenüber unseren Kunden haben wir erreicht.“

Weil desweiteren auch die Ergonomie in sämtlichen Prozessen ein wichtigeres Thema ist, sieht sich Migros mit dem neuen System auch hier bestens aufgestellt. „Wir haben eine unternehmerische Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitern, für die wir zukunftsweisende Arbeitsplätze in einem attraktiven Arbeitsumfeld bereitstellen können“, sagt Nussbaumer. „Dieser Verantwortung werden wir mit Hilfe der Witron-Kommissionierlösung ebenfalls voll gerecht.“

Und auch über weitere Ausbauschritte denken die beiden Logistikpartner derzeit bereits konkret nach. So ist unter Umständen ein Ausbau der gemeinsamen Aktivitäten im Bereich der Lagerkapazitäten für die Migros-Lieferanten geplant mit dem Ziel, dass die Produzenten ihre Ware zukünftig direkt an Migros ohne den Umweg einer zwischenlogistischen Lösung liefern können. Wie eine solche Lösung genau aussehen könnte, darüber sei man im Moment in Gesprächen miteinander.

*Thomas Wöhrle, Fachjournalist, Karlsruhe.

OPM-Anlage bei Migros:

  • Trockensortiment mit 3.500 verschiedenen Artikeln (Anlage ausgelegt für 4.500 Artikel)
  • Kommissionierung von durchschnittlich 240'000 Handelseinheiten/Tag (315.000 an Spitzentag)
  • 56-gassiges Traylager mit 285.000 Stellplätze
  • 68.500 Palettenstellplätze
  • 28 COM-Maschinen
  • 131 Regalbediengeräte
  • über 5.500 Meter Fördertechnik mit ca. 6.000 Antrieben, 16.000 Signalgebern, 35 Gruppensteuerungen, 12 automatischen Depalettierern, 6 Trenn-Wickel-Stationen