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Ein halbes Jahrhundert Witron - "und kein einziger Tag Kurzarbeit"

In Parkstein daheim. WITRON wächst kräftig weiter.

Foto WITRON

Für Walter Winkler stellt Ehefrau Hildegard die engste Vertraute dar.

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Quelle: Clemens Fütterer / ONetz

Vor 50 Jahren beschäftigte sich Walter Winkler mit Industrie-Elektroanlagen. Heute ist Witron als Logistiker der internationale Marktführer für innovative Lebensmittel-Verteilzentren. Im Gespräch blickt Winkler zurück auf sein Lebenswerk.

Es gibt in Deutschland nicht viele Familienunternehmer, die im 50. Jahr ihres Bestehens „Vollgas“ geben: Und bei aller Internationalisierung dabei noch bodenständig bleiben. Im mehr als zweistündigen Gespräch mit Oberpfalz-Medien blickt Walter Winkler zurück auf sein Lebenswerk. „Ich habe mich nie verzettelt und denke nur in Funktionen: Was bringt dem Kunden Nutzen? Wie kann ich seine Probleme lösen?“ Und stellt klar: „Mein Wort gilt.“ Glaubwürdigkeit als Herzensanliegen. „Für mich ist entscheidend, dass ich in 50 Jahren Unternehmenshistorie immer mehr als genügend Arbeit für meine Leute hatte und es bei Witron in dieser Zeit keinen einzigen Tag Kurzarbeit gab.“

Mit manchmal bemerkenswerter Oberpfälzer Sturheit (Winkler über Winkler), oder anders formuliert mit eiserner Konsequenz, ging der 83-Jahrige seinen Weg. Die Erinnerungen schweifen zurück an die Schul- und Studienzeit (Diplom-Ingenieur mit 21 Jahren): „Mathematik war mein Steckenpferd, Algebra ist Training für die Logik schlechthin.“ Bis heute kommt der Inhaber von Witron mit bald 7000 Beschäftigten ohne Computer, Taschenrechner oder eigener Sekretärin aus. „Mein Hirn arbeitet immer.“ Über die Gabe eines fotografischen Gedächtnisses verfügen nur wenige Menschen: der Parksteiner ist einer davon. Seine "Layouts" der Großprojekte kann er visuell abspeichern.


Technologie als Wettbewerbsvorteil

Der technologische Vorsprung von Witron beruht vor allem auf dem OPM-System, das unterschiedlichste Artikel aus sämtlichen Temperaturbereichen vollautomatisch und stabil auf einer Versandpalette schlichtet. Dabei kommt die sogenannte Schlichtmuster-Berechnung (Pack Pattern Calculation) ins Spiel. Sie entscheidet über Packdichte und damit Transportkosten, den unversehrten Transport der Ware und die Sortierung der Ware auf den Paletten/Rollcontainer - und damit wesentlich über Effektivität und Kosten der Ladenlogistik. Die Witron-Schlichtmuster-Berechnung gilt als entscheidender Wettbewerbsfaktor. Diese Berechnungen und das Steuern der Anlage benötigen eine gigantische Rechnerleistung. Ausfallsichere Serversysteme mit ihren „Prozessorkernen“ (wie sie auch Laptops oder Tablets besitzen) berechnen diese Muster und steuern die Kundenaufträge. In den größten Anlagen von Witron arbeiten mehr als 800 dieser Prozessorkerne parallel. Höchst anspruchsvolle Algorithmen sind dabei dem Oberpfälzer Unternehmen längst kein Fremdwort mehr. Seit 2004 forscht und entwickelt Witron auf diesem Feld - und verbessert die Algorithmen immer weiter.


"Narrisch nach Denken"

Oft machen triviale Dinge die Arbeitsprozesse einfacher. Daher ist es die Maxime von Winkler, jedes Handling zu vermeiden. Der Witron-Inhaber bezeichnet die Logik als seine größte Stärke: „Ich bin regelrecht narrisch nach Denken in Perfektion.“ Diese Perfektion bei allen logistischen Prozessen gibt Winkler an die Kunden weiter. „Ich biete Leistung und technologische Lösungen mit Kundennutzen.“ Als größte Schwäche und zugleich als große Stärke offenbart der 83-Jährige seine Ungeduld: „Sie bringt die Firma voran.“

„Ich betrachte die Firma als eine Art soziale Einrichtung, die man nicht vererben kann. Das Unternehmen gehört den Mitarbeitern.“ Walter Winkler traf diese Aussage beim Interview zum 80. Geburtstag. Er setzte sie mit seiner Frau Hildegard „bis zur letzten Konsequenz“ um. Erwirtschaftete Gewinne verbleiben im Unternehmen, es erfolgen lediglich fest definierte Ausschüttungen an gemeinnützige Stiftungen. Die karitativen Leistungen gehen jährlich in die Millionen Euro: Ohne dafür laut die Werbetrommel zu schlagen. Die Familie Winkler verzichtet vor dem Hintergrund des Stiftungsmodells auf Firmenanteile. Davon unabhängig sind die Kinder finanziell gut versorgt. Die Stiftung ist unverkäuflich.


Altersvorsorge für Mitarbeiter

Es gehört zur Firmenkultur, dass „die Lieferanten nicht ausgequetscht“ und die Mitarbeiter fürsorglich behandelt werden. In den Anfangsjahren kochte Hildegard Winkler sogar in der Kantine. „Unsere Küche ist die Beste.“ Der Autor kann bestätigen, dass es sich bei dem Ausdruck Kantine wohl um die größte Untertreibung des Jahres handelt. Für die Mitarbeiter gibt es zahlreiche Benefits: von der jährlichen Gewinnbeteiligung bis zur Altersvorsorge, von der Berufsunfähigkeits- bis zur Unfallversicherung. Witron ist wohl in Deutschland das einzige Unternehmen seiner Größenordnung, das im Sinne der Gleichberechtigung für alle Mitarbeiter auf Firmenfahrzeuge gänzlich verzichtet. Aber die lohnenden Vorteile haben sich herum gesprochen. Mittlerweile bewerben sich Fachkräfte aus dem gesamten deutschsprachigen Raum um eine Stelle bei Witron. Absolute Priorität nimmt die Ausbildung ein, junge Leute werden auf einem breiten Feld gefördert und qualifiziert.

Die pflegliche Behandlung der Mitarbeiter geht so weit, dass Hildegard und Walter Winkler zwei exklusive Wohnungen in Potsdam direkt an der Havel zur Verfügung stellen. Der 83-Jährige spielt bis heute in der Betriebsmannschaft Fußball auf der Position des Mittelstürmers, hält sich durch Schwimmen, Mountainbike und Skifahren fit. Seine Prognose: „Witron wird lange, lange Jahre weiter bestehen.“ Und bevor die Firma bei den Banken Strafzinsen bezahle, investiere sie lieber in die Entwicklung – und die Mitarbeiter. „Ich freue mich jeden Tag auf die Arbeit“, sagt Walter Winkler.


Witron wächst von 4800 auf 7000 Mitarbeiter bis 2023

Die enorme internationale Nachfrage beschleunigt das Wachstum von Witron aus Parkstein. Im 50. Jahr des Bestehens summieren sich die Kundenorder auf einen Auftragsbestand von mehr als fünf Jahren. Das hat erfreuliche Konsequenzen.

Das von Walter Winkler (83) im Jahr 1971 als Zwei-Mann-Betrieb gegründete Unternehmen wird, basierend auf dem hohen Auftragsvorlauf, die Zahl der Mitarbeiter bis 2023 von derzeit 4800 auf 7000 erhöhen.

Gegenüber Oberpfalz-Medien bestätigen Walter Winkler und Geschäftsführer Helmut Prieschenk (CEO) diese Entwicklung. Die Geschäftsführung erwartet in diesem Jahr trotz Corona einen Umsatzsteigerung auf fast einer Milliarde Euro: nach 710 Millionen Euro 2020. Am Stammsitz Parkstein (Kreis Neustadt) selbst werden mittelfristig fast 2500 Fachkräfte tätig sein.

Der aktuelle Auftragsbestand und die daraus resultierenden Serviceverträge sowie weitere anstehende Großaufträge sorgen für eine volle Auslastung über Jahre hinweg, Branchenkenner sprechen von einem Jahrzehnt. Diese Zeitspanne gilt dem Vernehmen nach auch für den technologischen Vorsprung des auf die Distributionszentren von großen Lebensmittelketten wie Walmart oder Edeka spezialisierten Logistikers.

Voraussetzung für die Expansion ist die Investition von annähernd 200 Millionen Euro in die Verdoppelung der Kapazitäten in Parkstein für Fertigung, Lager und Büros. Nach einer rekordverdächtigen Bauzeit von nicht einmal zwei Jahren ist die Einweihung am 3. September im Beisein des bayerischen Finanzministers Albert Füracker geplant. Die Ausweitung der Nutzfläche von 100.000 auf 220.000 Quadratmeter konzentriert die gesamte Fertigung am Stammsitz. Die laufende Investition stellt eines der größten privatwirtschaftlichen Bauprojekte in Nordbayern dar.

„Vieles hat sich seit 1971 verändert, aber das Wesentliche ist geblieben“, sagte Walter Winkler zum 40-jährigen Jubiläum. „Das gilt auch heute.“ Mit seinen 83 Jahren steht der Unternehmensgründer nach wie vor im internationalen Ruf als „Innovationstreiber“ und „Vordenker“. Der sportlich fitte Firmenpatriarch behält sich bei Großprojekten bis heute das letzte Wort vor. Zur Seite steht ihm Ehefrau Hildegard – als engste Vertraute, gerade in sozialen Belangen. „Meine Mitarbeiter sind das größte Kapital von Witron“, betont Walter Winkler.